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Ein Junior erlöst den FCK

in Vor- und Nachbetrachtungen by

Niederlage reihte sich an Niederlage in dieser Rückrunde und proportional dazu sanken die Zuschauerzahlen: 280-270-180 und zuletzt noch 140 gegen Rüti. Doch was für ein verrücktes Spiel sollten die Treusten der Treuen nach Wochen der Enttäuschung erleben.

In der 94. Minute brachte Soares mit seinem zweiten Treffer das Hafenareal zum beben, mit 3:2 wurde der FC Rüti besiegt. 810 Pflichtspielminuten ohne Sieg fanden ein Ende. Unfassbare 6 Monate mit lediglich 2 Punkten! Eine für Kreuzlinger Verhältnisse fast schon unendliche Durststrecke. Doch Soares blieb nicht der einzige Matchwinner des Tages.

Dabei ahnte man vor dem Spiel schlimmes. Goalgetter Sven Bode kam sich übergebend am Parkplatz der Bodensee-Arena an, zwei Stunden vor Spielbeginn suchte man händeringend einen offensiven Ersatz. Bereits kurz nach Spielbeginn humpelte “Ü” (Ümüt Tütünci) vom Feld.

In der 48. Spielminute kam dann mit Levin Nay (Foto) ein weiterer B-Junior nach Dario Lucarelli zu seinem Debüt in der 1. Mannschaft. Ein Raunen ging durchs Publikum (sport-fan.ch) – Vater und Grossvater von Levin sind FCK-Urgesteine und fieberten selbstverständlich am Spielfeldrand mit. Dieser schmächtige 16-jährige, kann das gut gehen? Spätestens nach einer gelungenen Vorlage auf Pentrelli wich die Skepsis der Zuschauer, der kann was. In der 70. Minute eine Szene fürs Kreuzlinger Fussballgeschichtsbuch. Nay schnappt sich den Ball, umkurvt einen Rütemer und lupft den Ball über den FCR-Keeper in die Maschen zum 2:1. Die Leute liegen sich in den Armen – was für ein Wahnsinn!

Nach dem Ausgleich in der 86. Minute wirft der FCK nochmals alles nach vorne. Nando Nay, der Bruder von Levin Nay kommt ebenfalls zu seinem FCK-Debüt in der 1. Mannschaft (87.), wird die Sache hier noch verrückter? Dodes hämmert den Ball an die Querlatte (90.), Levin Nay wird im Strafraum zu Boden gerissen (92.), was für eine heisse Endphase! In der 94. erlöst dann Soares den FCK-Anhang! Abpfiff. Ein Rüti-Betreuer begiesst die Kreuzlinger Zuschauer wutentbrannt mit Wasser – doch das geht schon im allgemeinen Jubel unter.

Was für ein Sieg – was für ein Debüt, auf sport-fan.ch ist zu lesen: “Nay dürfte der jüngste FCK-Torschütze seit Jahrzehnten sein!”

Nach so einem Spiel müsste man jeden Zuschauer beim Trainertalk vermuten. Doch nur ein Dutzend FCK-Getreuer kam in den Genuss dieser launigen Viertelstunde. Man erfuhr von den Trainern etwa, dass man Spielern, die während der Saison Urlaub machen heute kaum noch mit einem Rauswurf drohen könnte (“der Spieler der für ihn kommen würde, geht dann einfach auch in die Ferien”). Oder wie das mit dem kotzenden Sven Bode vor dem Spiel ganz genau war. Moderator: “isst do öppert?” Einer streckt eine Bratwurst in die Höhe und winkt mit der Hand ab: “kei Problem”. “No e rundi und bis zum nöchste mol!” So erfrischend kann Fussball sein – ein halbes Jahr wusste man es nicht mehr.

Nebenbei: Seit bald 20 Jahren schauen immer mal wieder Winterthurer Fussballfans als gern gesehene Gäste beim FCK vorbei – um die Herzlichkeit und Leidenschaft eines Amateurvereins zu erleben und eine gute Zeit zu verbringen. Zwei Winterthurer erlebten gegen Rüti ihren Hafenareal-Einstand – und waren bestimmt nicht zum letzten mal da – wie sie nach dem Trainertalk beteuerten. Fan-Schals wurden schon gekauft – “isch en heisse Heimsieg gsi!”

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1 Comment

  1. 6:3 – 5:3 – 4:0 – 3:2 – 1:1 – 4:5…….! Dies ist eine stolze Auflistung von erzielten FCK-Mannschaftsresultaten vom Wochende (FCK jeweils erste Zahl!). Und so seien denn mal, wenn auch nur anonym, weitere Mannschaften gewürdigt, obwohl es hier um den Club-“Leuchtturm” geht – der ersten FCK-Mannschaft. Und dieser Turm versprühte bekanntlich Null Licht in den vergangenen Wochen. Auf den Weltraum bezogen spräche man von einem “Schwarzen Loch”: Dies sendet kein Licht, ist aber – zumindest nach der allgemeinen Relativitätstheorie – vorhanden. Nun, “vorhanden” ist tatsächlich plötzlich auch wieder der FCK und bodigte in Extremis die Rütener aus dem hübschen Zürcher Oberland. Ob die Erste nur relativ wieder Licht erzeugte, oder andauernd, wird man sehen. All zu viel Zeit besteht nicht mehr. Die Saison geht ihrem Ende entgegen. Dabei ist fest zu halten, dass der FCK immerhin tabellarisch die führende Mannschaft ist in einem Kanton, der fussballerisch wahrlich nicht verwöhnt. In der kommenden Saison stehen mit Frauenfeld und – neu – Amriswil gleich zwei Thurgauer Liga-Derbys an, wenn ich das aus Distanz richtig sehe. Die Hauptstädter habe ich dabei bereits als Nicht-Absteiger eingerechnet. Es besteht allerdings noch eine gehörige Unsicherheit! Wäre schön und wichtig, wenn Fauenfeld in der 2. ir bliebe.

    Und so komme ich auf den absolut “schier unerträglichen” Zuschauerschwund. Er betrifft viele Amateurvereine, den FCK aus einer Stadt mit bald 22’000 Einwohnern besonders! Da sind sogar kleine Dörfer stolzer, einen Verein in dieser Liga zu haben, und es zu honorieren!

    Ich könnte mir vorstellen – jetzt mal postiv gedacht, dass mit drei kantonalen Mannschaften in dieser Liga (oder dann auch mal vier) eine gewisse “Renaissance der fussballerisch-kantonalen Aufmerksamkeit” über die Derbys hinaus eintreten könnte. Ansonsten wäre mal analythisch zu ergründen, worin denn die Ursachen dieser Misere bestehen. Einige sind sicher bekannt (auf die hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann), andere, breit gesellschaftsrelevante über den Fussball hinaus, sind komplexer zu hinterfragen.

    Fussball ist ein authentisches, ehrliches, geschichtsträchtiges Rasenspiel (man kann allerdings neuerdings auch auf Plastik CH-Meister werden!). Das Authentische entzieht sich besonders beim Zuschauen von klassischen Amateurspielen allem neumodischen Schnickschnack, das etwa in medialen Spielberichten angelegt ist. “Netzer kam aus der Tiefe des Raumes” war ja noch ein hübscher Buchtitel. Aber wenn es dann etwa heisst: “Die Mannschaft verdeidigt hoch”, oder wie ich neulich hörte, “Die Spieler stellen auf eine dynamische Tiefenbewegung um” – oder dergleichen Wortschöpfungen, so macht das direkte vor-ort-Schauen schon deutlich mehr her, denn es ist in jeder Szene unserem (meist kenntnisreichen!) Augenmass ausgesetzt, das unmittelbar Emotionen auslöst und ein fussballerisch-ganzheitliches Erlebnis erlaubt, das ohne viel theoretischer Gedankenspielereien auskommt – etwa kompliziert formuliert…..! Fussball ist einfacher. Mit: “Er hät doch abspile sölle”, “Heinomol, gang doch ane”, “Worum schüsst dä dänn ned”, usw., – solche Feststellungen sind spontan befunden und garnieren aus Tradition ein Spiel auf sehr menschliche Art. Und wenn man dann noch gewonnen hat, stimmt einfach alles. Eine Mannschaft zu verlassen, wenn es mal nicht so gut läuft, ist zwar auch menschlich, aber genau in dieser Situation ist sie zu unterstützen. Dann stimmt’s noch mehr. Vieles.

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