Interview mit Erwin Geisselhardt

Aus dem Grenzstadtkurier Nr. 12 (Restexemplare erhältlich bei sportantiquariat.ch)

Erwin Geisselhardt, Jahrgang 1936 und Vater unseres aktuellen Vereinspräsidenten Daniel Geisselhardt, spielte den Grossteil seiner Fussballzeit beim FC Kreuzlingen. Ich traf ihn knapp 2 Wochen vor Saisonbeginn zum Gespräch auf der Aussenterrasse der Bodensee-Arena. Ein paar Tische weiter fand die alljährliche Pressekonferenz des FC Kreuzlingen statt.

Herr Geisselhardt, wie begann Ihre Zeit beim FC Kreuzlingen?

Mein Bruder Emil, Jahrgang 1932 spielte bereits beim FC Kreuzlingen. Damals mussten alle Junioren zuerst an eine sportärztliche Untersuchung. Der Arzt erklärte mich für untauglich, da mit meinem Herz etwas nicht stimmen würde. Doch mein Hausarzt konnte nichts finden und so trat ich doch dem FC Kreuzlingen bei, wenn auch gewisse Unsicherheiten bezüglich der ersten Diagnose blieben. Damals gab es unterhalb der Aktiven übrigens nur A, B und C-Junioren.

Auf welchen Positionen spielten Sie und ihr Bruder Emil Geisselhardt?

Mein Bruder war Verteidiger und spielte bereits 1949 in der 1. Liga für den FC Kreuzlingen. Ich selbst war dann erst nach den Abstiegen in die 3. Liga, also ab 1954 genug alt für die 1. Mannschaft. Ich war von den C-Junioren bis zur 1. Mannschaft Captain beim FC Kreuzlingen und spielte auf der Position des Mittelläufers. Wir spielten noch das Riegelsystem, ich musste also immer auf den gegnerischen Ballführer, später spielte ich dann Halblinks. Mein Bruder Hans spielte ebenfalls beim FC Kreuzlingen.

Wie waren diese 3.-Liga-Jahre?

Es war eine bittere Zeit. Wir dominierten jedes Jahr die Liga und selbst die Aufstiegsspiele. Am Ende scheiterten wir dann wegen eines verlorenen Spieles. Es war ein unmögliches System, aus mehreren Gruppen gab es nur einen einzigen Aufsteiger in die 2. Liga. Erst als das System reformiert wurde und endlich der Meister direkt aufstieg, gelang uns dann die Rückkehr in die 2. Liga.

Die Spiele fanden immer am Sonntag statt. Es waren selbst in der 3. Liga immer gut 500 Zuschauer, zu Aufstiegsspielen auch mal gegen 2’000. Die Spieler waren fast so was wie kleine Stars, da wurden von den Junioren auch die Sporttaschen ihrer Idole getragen. Auch aus Konstanz waren Spieler dabei, etwa Erich Trautner, Friedlein und viele weitere.

…und der Fussballplatz an der Konstanzerstrasse?

Der Fussballplatz an der Konstanzer-strasse war ausgezeichnet, mit gedeckter Tribüne, Flutlicht, die Spieler kamen durch ein Holztor aufs Spielfeld. Die Kinder versuchten über den Zaun zum Spiel zu gelangen, der Hauswart drückte manchmal beide Augen zu.

Neben dem Kassengebäude gab es einen Verpflegungskiosk. Man hätte diesen Platz niemals verlieren dürfen. Ich wuchs an der Konstanzerstrasse auf, besuchte schon früh die Spiele. Es war eine wunderschöne Gegend. Meine Eltern hatten gleich am Sportplatz den «Kolonialwarenhandel Geisselhardt», heute befindet sich dort das Zigarrengeschäft Portmann.

Im Jubiläumsjahr 1955 wäre fast die Rückkehr in die 2. Liga gelungen. Es kam zu einem Entscheidungsspiel in Rorschach gegen den FC Chur.

Das war tragisch. In dem Spiel ging es um alles oder nichts, es kamen rund 2’000 Zuschauer nach Rorschach. Ernst Burkart fehlte wegen einer Blinddarmentzündung. Wir reisten unverständlicherweise mit nur 12 Spielern an, darunter mein Bruder Emil welcher eine lange Nacht bei einer Studentenfeier hinter sich hatte.

Kurz vor dem Spiel drohte Verteidiger Fritz Haug in der Garderobe dem Trainer: «ich spiele nur, wenn Ditz nicht spielt!» zwischen den beiden spielte sich eine Privat-Fehde ab. Also blieb Ditz draussen und mein angeschlagener Bruder kam für ihn rein.

Wir gingen durch ein Tor von Mengel und eines von mir mit 2:0 in Führung. Der Mengel wurde vor dem Spiel in beide Beine mit einer Spritze gedopt und spielte wie verrückt.

In der 2. Halbzeit schoss der von Fritz Haug zu bewachende Peter von Burg drei Tore. Ausgerechnet. Anmerkung GK: Peter von Burg spielte dann von 1958 bis 1962 für GC in der NLA.

Gab es weitere Stationen als Spieler?

Gegen Ende 1957 wechselte ich zum FC Rorschach in die 1. Liga. Mein Bruder Emil spielte bereits dort, mein Onkel war Präsident der Gönnervereinigung. Ausserdem gab es ein Jobangebot. Dort erhielt ich auch meine einzige Prämie, 40 Franken für ein wichtiges Tor. Damals wurde noch auf dem Sportplatz Pestalozzi gespielt. Eine Geschichte muss ich dazu erwähnen. Rorschach hatte gute Beziehungen zu Bodio. Vor einem Spiel einigten sich die Vorstände auf einen Sieg für Rorschach. Mit grosser Mühe und Gewürge gab es dann am Schluss das gewünschte 1:0. Fair war es nicht immer. Zu Kreuzlinger 1.-Liga-Zeiten reisten die Tessiner Mannschaften mit Cars an, da wurden dann schon mal die Reifen aufgeschlitzt. Zuvor spielte ich noch Firmenfussball bei einem Aufenthalt in London. In der Thurgauer Auswahl spielte ich mit Bruno Neidhart und Ernst Burkart. In der NZZ schrieben sie damals auch über die 1.-Liga-Spiele und erwähnten mich, da war ich schon stolz drauf.

Hatten andere Vereine Interesse?

Red Star Zürich und der FC St. Gallen wollten mich. Trainer Sepp Späth wollte mich unbedingt ins Welschland in die Nationalliga vermitteln. Ich bekam dann auch einen Brief von Legenden-Trainer Karl Rappan (Servette Genf).   Ich war nicht bereit dazu.

…und dann tauchen Sie im Frühjahr 1959 wieder in den Aufstellungen des FC Kreuzlingen auf.

Alois Haberthür hatte angerufen. Er stellte eine gute Mannschaft zusammen. Mit Erwin Glassner, welcher zuvor beim FC Schaffhausen in der Nationalliga A spielte (1955-1957), Friedhelm Klaedtke war auch dabei. Da war ich dann wieder in Kreuzlingen und uns gelang dann auch der langersehnte Aufstieg.

Aber das war noch kein glückliches Ende. Bereits im Frühjahr 1959 vor dem Aufstieg musste man auf den Nebenplatz ausweichen, weil das Stadiongelände von der Seifenfabrik Schuler verkauft wurde.

Dem Verein wurde das Hafenareal als Sportplatz zugewiesen. Der Platz war aber in einem schlechten Zustand. Mit Steinen übersäht und mit dem Wasserabfluss gab es Probleme. An einen Meisterschaftsbetrieb war nicht zu denken. Der Nebenplatz an der Konstanzerstrasse durfte dann auch nicht mehr benutzt werden. Anmerkungen GK: Ein Platz etwas weiter nördlich wurde verwehrt weil man mit dem baldigen Bau der Autobahn (!) rechnete.

Beim FCK gab es in diesen Jahren auch eine Zeit ohne Präsident, es gab keinen Spiko, der Trainer war davongelaufen. Die Mannschaftsaufstellung wurde jeweils kurz vor dem Spiel selbst zusammengebastelt. Ich befürchtete den Untergang des FCKs. Es war desaströs. Querelen führten dann auch zur Abwahl des verdienten Donatorenpräsidenten Hans Weltin, eine unschöne Sache. Bei der Abwahl wäre es fast zu Tätlichkeiten gekommen.

Zurück zum Platz. Trainiert wurde im Grüntal oder auf der kleinen Schreiberschulhauswiese. Man stand ohne etwas da, eine bittere Zeit.

Der Präsident kehrte dann zurück. In Tägerwilen wurde man bei der Platzsuche fündig.

Ja, der Platz an der Gottlieberstrasse. Zum umkleiden ging man ins Restaurant Blumenau. Der Platz war klein, bei schlechtem Wetter konnte man kaum spielen. Trotzdem erschienen auch hier immer viele Zuschauer.

Es wurden also in Tägerwilen Pflichtspiele ausgetragen?

Ja, ich kann mich an ein Cupspiel gegen Red Star erinnern. Das war in Tägerwilen. Wir führten gegen den 1.-Ligisten mit 3:0 und verloren dann doch noch. Anmerkung GK: Auch in der Meisterschaft trat man in Tägerwilen an.

Wie ging es mit Ihnen dann weiter, haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Spielkameraden?

Ich spielte dann noch zwei Jahre bei den FCK-Senioren, dann ging ich nach Tägerwilen. Wir zügelten auch 1970 in unser Haus nach Tägerwilen. Kontakt besteht noch zu Ernst Burkart und Mario Né. Mein schön geschriebener Austrittsbrief an den FC Kreuzlingen blieb unbeantwortet.

Eine verrückte Geschichte zum Schluss?

Für die bekannten Nachtspiele des FC Kreuzlingen wurde immer der Nationalliga-Schiedsrichter Werner aus St. Gallen engagiert. Anschliessend verköstigte man Herrn Werner immer ausgiebig, inklusive Ausflügen ins Konstanzer Nachtleben, er kam in jeder Beziehung auf seine Kosten.

Dies zahlte sich (fast) aus, wir  hatten ein wichtiges Spiel im Toggenburg. Schiedsrichter Werner wurde zugeteilt. Eine harmlose Situation im Strafraum der Toggenburger, Schiedsrichter Werner pfiff zum Elfmeter. Der wurde dann nicht verwandelt. Nach dem Spiel kam Schiedsrichter Werner zu mir: „Herr Geisselhardt, mehr konnte ich für den FC Kreuzlingen wirklich nicht mehr tun“.

Herr Geisselhardt, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Foto: Stehend von links: Kurt Frey (Spiko-Präsident), Jüngling (Masseur), Heberlein, Kunz, Erwin Geisselhardt, Werner Schmid (Trainer), Giavoni, Ditz, Emil Geisselhardt, Hans Schmid (Präsident) Kniend von links: Peters, Mader, Burkart, Mengel, Friedlein, Haug

NACHTRAG: Herr Erwin Geisselhardt verstarb nach längerer Krankheit in der Nacht auf den 11. Januar 2021, wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.

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