Abschied von der Ringstrasse

Ein letztes Mal Ringstrasse. Dazu später mehr.

Zum Spiel: Wieder die erste Grosschance für den Gegner in den ersten 10 Minuten. Danach rollte das Spiel ohne grössere Möglichkeiten hin und her. Mit zunehmender Spieldauer bekam der FCK mehr und mehr Kontrolle im verregneten und wie immer windigen Chur. Der clever und robust spielende FCK (Chur97-Facebook) nutzte in der 34. und 51. Spielminute zwei individuelle Fehler zur 2:0-Führung. Danach hat der FC Kreuzlingen den Stiefel sehr routiniert runter gespielt. Sven Bode mal wieder mit immensem Laufpensum. Darko Anic traf im Doppelpack, bester Transfer der letzten Jahre? Fabian Fellmann auch nach 180 Spielminuten aus dem Spiel heraus nicht bezwungen.

Chur 97 muss im Winter, spätestens aber im nächsten Sommer, die seit 1969 bespielte Ringstrasse verlassen. Hier erlebte der Vorgängerverein FC Chur von 1987 bis 1993 in der Nationalliga B (mit Vladimir Petkovic) seine grosse Zeit, hier hängen die Erinnerungen, ist die Seele des Vereins. Chur 97 wird dann in die Obere Au umziehen und dort seine Heimspiele bis 2025 auf einem neuen Kunstrasenplatz austragen. Der Verein wird solange in einem Provisiorium spielen und weiss noch nicht mal, ob er dort Werbebanden montieren kann. Danach sollte das ebenfalls in der Oberen Au geplante neue Stadion bezogen werden. Gesamthaft investiert Chur 44 Millionen Franken in neue Sportanlagen an der Oberen Au. An der Ringstrasse wiederum werden Schul- und Sportanlagen für rund 88 Millionen Franken entstehen. Da wird also mit der ganz grossen Kelle angerührt.

Die Ambitionen wurden in Chur für den Zeitraum bis 2025 daher heruntergeschraubt. In dieser Zeit ist kein Aufstieg in die 1. Liga angestrebt. Der FC Kreuzlingen hat ja selbst Erfahrung mit dem Verlassen eines Identität stiftenden Platzes. Dem Auszug aus dem Grenzland-Stadion an der Konstanzerstrasse im Jahre 1959 wurde noch Jahrzehnte nachgetrauert. Immerhin ist bei Chur ein Nachfolgeprojekt aufgegleist. Doch es wird schwierig etwas vom grossartigen Charme der Ringstrasse herüberzuretten, erst recht wenn man die wenig einladenden Pläne des neuen Fussballstadions sieht. Die Ringstrasse, dass ist selbst für Kreuzlinger ein Ort der Erinnerungen. Bei mir bleibt vor allem die 2005 an der Ringstrasse knapp verpasste Qualifikation für die Aufstiegsspiele zur Challenge League in Erinnerung. Nach dem Spiel erinnert sich Manuel Ferrone an die Siege unter René Benz gegen Chur in der Aufstiegssaison 2011/2012.

Zurück zum Spiel. Hinter uns stehen Kinder und feuern ihren “FC Chur” an. FC Chur? Da sieht man schon das ganze Dilemma. Chur 97 ist kein Name der benutzt wird. Selbst Kinder, welche nie den FC Chur spielen sahen, reden vom FC Chur und nicht vom 1997 gegründeten Nachfolge- und Fusionsverein Chur 97. Die damalige Umbenennung mag ihre Gründe gehabt haben. Doch Geschichte lässt sich nicht wegwischen, die guten wie die schlechten Seiten gehören zum Churer Fussball und dieser ist nun Mal im Grossen die Geschichte des FC Chur. Das Verlassen der Ringstrasse wäre ein guter Moment, um mit altem Namen an neuer Wirkungsstätte einen Bogen von der Tradition in die Moderne zu spannen. Und dann würde der gebräuchliche Name auch wieder zum tatsächlichen Namen passen.

Für Kreuzlingen geht es am Samstag mit einem Heimspiel gegen Aufsteiger Rorschach weiter. Das Seederby lockt, die Vorfreude ist gross. Erst recht nach diesem Saisonstart.

Zuschauer: 220. Matchprogramm: Faltblatt mit Aufstellung. Kulinarik: Gute Bratwurst, Hamburger, Pommes, Calanda Bräu in Dosen. Clubhaus: Gemütlich, Corona-bedingt leider geschlossen.

Foto aus Vogelperspektive: chur.graubuenden.ch

Nachtrag:

Spielbericht Südostschweiz

Fotos Regese:

 

1 Comment

  1. Die Churer Sportplatz-Tribüne geht auf eine Zeit zurück, in der einige Vereine/Städte meinten, mit einem Garderoben-Tribünen-Solitär auf einer Platzseite sei es getan, um auf den ersten oder zweiten Aufstieg zu reagieren. Ich habe dazu eine differenziertere Meinung, sehe eine Sportanlage als etwas (Stadion-) Ganzes – besonders für eine Stadt. Nun liegt Hafetschutter sicher nicht ganz daneben, wenn er der Anlage in Chur trotzdem einen gewissen “Charme” zubilligte. Doch der entstand vielleicht auch zufällig durch die direkte Quartiersbezogenheit und dem typisch bergigen Hintergrund als Kulisse, gepaart mit persönlichen Erinnerungen zwischen Siegen und Niederlagen und Bratwürsten und Wind. Ist auch was. Und der Platz nannte sich schlicht ja nur “Sportplatz Ringstrasse”. Von ihm ist ab jetzt sowieso nur noch in den Geschichtsbüchern zu lesen. Auch der neue Hauptplatz auf “Obere Au” wird, wie die Pläne aufzeigen, zwar “moderner”, aber eine Stadionähnlichkeit wird auch dort nicht erreicht werden. Ist halt eine persönliche Sicht. Die Churer (Planer, Abstimmenden) wussten schon, was dereinst für sie gut werden soll. Und letztlich kommt es auch noch auf den Sport an, der dann auf dem neuen Churer Platz 1, wie auf den vielen, dort jetzt schon existierenden Plätzen für den Breitensport von jung bis älter abgeht.

    Als letztlich schöner “Ort der Erinnerung” bleibt die Ringstrasse nach dem 2:0-Auswärtserfolg des “cleveren und robusten” FC Kreuzlingen besonders bei seinen eigenen Fans wohl noch lange präsent. Vielleicht kann damit sogar später vom Beginn einer neuen Aera des FCK geschrieben und gesprochen werden! Zu bemerken wäre dazu grob, dass nach den ersten zwei Meisterschaftsrunden tatsächlich die beiden erklärten Favoriten, Red Stars Zürich und FCK, bereits vorne zu finden sind. Besonders erkennbar: Die Stadtzürcher stemmen sich bereits mächtig gegen den jüngst eingetretenen Verlust der höheren Ligazugehörigkeit! Den Landzürchern aus Seuzach dagegen wollte – und will das – nicht so recht gelingen. Noch herrscht ja genügend Zeit für alle Mannschaft, sich zu profilieren, sich besser zu positionieren – mit oder ohne Tribüne!

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