Interview mit Bruno Brütsch

Als Weihnachts-Extra veröffentliche ich an dieser Stelle mit Einverständnis von Bruno das Sommer-Interview aus dem Grenzstadtkurier Nr. 13, viel Spass damit.

Bruno Brütsch wandert mit seiner Frau Beatriz nach Spanien aus. Das musste man erstmal setzen lassen. Bruno trifft man seit Jahrzehnten im Hafenareal, er schreibt die Spielberichte, er speakert an den Heimspielen und an Turnieren, er schiesst Fotos von den Spielen, er moderiert die Trainertalks und ist ein grossartiger Kenner des hiesigen Amateurfussballs. Ja, dieser Verlust schmerzt und Menschen wie Bruno findet man auf den Amateurplätzen nicht mehr allzu häufig.

Ich treffe Bruno zu einem Gespräch auf der Terrasse der Bodensee-Arena am Kreuzlinger Fussballplatz. Mit dabei, Michel Leclerq, welcher mit Bruno die Leidenschaft für den FCK über die Jahrzehnte teilte. Vor uns trainiert die 1. Mannschaft, auf der Terrasse herrscht Ferienstimmung, es liegt aber auch Abschied in der Luft.

Bruno, wie begann alles?

Mit Michel! Er nahm mich zum FCK mit und meinte die 1. Mannschaft suche einen Coach. So Anfang der Neunziger war das. Ich war fussballbegeistert und das hörte sich gut an für mich. Ueli Grawehr war Co-Trainer und der neue Trainer, ja das war Jan Berger! Tschechoslowakischer Fussballer des Jahres 1984, EM- und WM-Teilnehmer. Er umarmte mich bei der Begrüssung sofort, Du bist also mein Coach! Berger  hatte viel gesehen, musste aus politischen Gründen ein Angebot von Real Madrid ablehnen, sass wegen Beleidigung des tschechoslowakischen Präsidenten im Gefängnis. Beim FCK lernte ich seine menschliche Grösse kennen. Er war wirklich faszinierend, doch die Kreuzlinger verstanden ihn nicht, immer hiess es, wieviel er wohl beim FCK verdienen würde, die üblichen Geschichten in der Stadt.

Zurück zu Dir, wie erging es Dir als Coach?

Am ersten Tag teilte man mir mein Salär mit, ich bin erschrocken, soviel? Als ich dann nach ein paar Wochen realisierte was ich da eigentlich alles machen muss, relativierte sich das dann sehr. Gelächter am Tisch. Es war eine schöne Zeit mit Jan Berger, doch der Aufstieg in die 1. Liga wollte nicht klappen. Der Präsident kam eines Tages in die Umkleidekabine. Es kommt ein neuer Trainer, Slobodan Cendic!

Cendic galt als harter Hund. Er hatte ein unglaubliches taktisches Verständnis, nach seinen Pausenansprachen kam die Mannschaft oft wie verwandelt auf den Platz. Er trainierte zuvor Waldhof Mannheim, den 1. FC Saarbrücken und Schalke 04 in der Bundesliga! Der war eine Granate und nun beim FC Kreuzlingen in der 2. Liga, also bei einem Viertligisten! Vor dem entscheidenden Aufstiegsspiel beobachteten wir den FC Lerchenfeld. Cendic sprach während des Spiels in sein Tonbandgerät, er lächelte mir mit Gewissheit zu, „die sind chancenlos“. Keine leeren Worte. Es gelang unter ihm dann auch der Aufstieg in die 1. Liga vor 1‘000 Zuschauern, wunderbar.

Nach getaner Arbeit verliess Cendic wieder den FCK. Er könne die Mannschaft nicht mehr weiterbringen, er sei nur ein alter Mann aus den Bergen.

Dann folgte der deutsche Ernst-August Künnecke.

Ja, der trainierte zuvor Genk, Mechelen und den FC Basel. Die ersten fünf Spiele in der 1. Liga gingen gleich verloren, der FCK schoss kein einziges Tor, ein Desaster. Doch die Spieler mochten den Trainer, er war locker.

Der Präsident kam wieder in die Kabine. Fertig lustig! Slobodan Cendic kommt zurück! Es ging nach Rorschach, gleich das erste Spiel nach seiner Rückkehr wurde mit 1:0 gewonnen. Das erste was Cendic der Mannschaft nach seiner Rückkehr sagte: Ihr habt auf Zonen gespielt, doch ihr seid zu dumm dafür! Ab jetzt spielt ihr wieder auf den Mann. Es folgten elf weitere Spiele ohne eine einzige Niederlage. Doch Cendic war für einige zu Autoritär, auf Dauer ging das nicht.

Wie begann deine Liebe zum Fussball?

Ich war acht Jahre mit dem FC St. Gallen unterwegs, an Heim– und Auswärtsspiele, alleine auf der Tribüne in Genf, bei Schneegestöber nach La Chaux-de Fonds. Ich habe tolle Spieler und Spiele gesehen. Der Amateurfussball gab mir schlussendlich aber mehr.

Milan hast Du auch verfolgt, richtig?

Ja, wir gründeten den Milan-Fanclub Franco Baresi. Weil ich der einzige Schweizer war, wurde das Alkohol-Patent des Clubraums auf mich angemeldet. Obwohl ich ja gar nie trank. Bei Franco Baresi war ich dann auch im Vorstand. Wir fuhren oft ins San Siro, sensationell war es dort. Ich kaufte mir ein Trikot von Shevchenko mit der Nummer 10, der spielte dann aber immer mit der 7. Eines nachts wachte ich auf und konnte nicht mehr schlafen, ich entschloss mit spontan an ein Milan-Spiel zu fahren. In Italien schlief ich auf einer Autobahnraststätte ein, als ich aufwachte, war das Spiel vorbei.

 

Was hat dich dann doch zum Amateurfussball gezogen?

Wenn Du wirklich Fussballfan bist, musst Du zum Amateurfussball! Dort bist Du sehr schnell sehr tief drin. Du kennst den Trainer, den Präsidenten, die Spieler, Du bist Teil des ganzen. Du musst auch etwas geben. Ich merkte schnell, die haben keinen der Spielberichte schreibt. Das wollte ich. Ich schrieb die dann meist zu kritisch, viele waren nicht begeistert, die wollten nichts objektives lesen. Aber ich sass am Schreiber und das gefiel mir. Mit der Zeit bekam ich auch Anerkennung, auch heute noch sehr oft. Sowas hast Du halt nur im Amateurfussball, da bist Du ein wichtiger Teil des Ganzen. Du gehst an ein Auswärtsspiel und selbst dort kennen dich viele schon.

Dann kam ja noch mehr dazu..

Den Trainertalk übernahm ich von Bruno Ammann. Wir waren schon damals die einzigen, die das in der 1. Liga machten. Die Trainer kamen immer sehr gerne. Manche wollten gar nicht mehr gehen, schon fertig? Die genossen es, dass ihnen mal fragen gestellt werden.

Was hat sich im Amateurfussball geändert?

Jeder rennt doppelt so viel wie früher. Es wurde viel dynamischer. Die Vereinswechsel laufen immer schneller. Gleichzeitig wurde früher auf diesem Niveau, wir reden von den Neunziger Jahren, aber auch viel mehr Geld bezahlt, da waren Unsummen im Spiel! und mehr Zuschauer hatte es. Die Berichterstattung hat sich auch geändert. In den Zeitungen hatte es mehr Platz, 2‘500 Zeichen hatte ich für einen Spielbericht. Ich schrieb für den Thurgauer Volksfreund, auch immer wieder für die Südostschweiz. Heute sind es noch 600-700 Zeichen. Ich schrieb dann noch einige Jahre für sport-fan.ch.

Als Speaker hast Du dir beim FC Kreuzlingen auch einen Namen gemacht. Es wird schwer sein für all diese Dinge einen Ersatz zu finden.

Beim FC Uzwil ist der Berto Besio seit 50 Jahren Speaker, aber ja die Leute gehen schneller, verzeihen nicht. In einigen Funktionen wurde ich auch wieder abgesetzt, durch einen neuen Trainer oder Präsidenten. Ich ging trotzdem einfach immer weiter zum FC Kreuzlingen. So ist es mit einer Herzensangelegenheit.

Du warst auch OK-Chef von Juniorenturnieren?

Ich richtete mit Michel in den 1990er-Jahren internationale Juniorenturniere in Kreuzlingen aus. Mit dem VfB Stuttgart, YB, GC, FCZ und so weiter. Dem Andy Egli sprach ich auf den Telefonbeantworter ob er für die Pokalübergabe nach Kreuzlingen kommen würde. Der rief dann gleich zurück. Wann und Wo? Der wollte auch nichts dafür. Ich fuhr mit Michel nach Belgien um die Pokale und Medaillen einzukaufen. Wir hatten dann den ganzen Kofferraum vollgestopft mit den Sachen, am Zoll sagten wir dann „nünd zum verzolle“.

Wir hatten jeweils an vier Wochenende eine volle Egelseehalle. Es kamen auch richtig viele Zuschauer. Dann kam ein neuer Juniorenobmann. „De Seich bruchemer nüme“. So wurde das dann beendet, die Vereine riefen uns an, „was machen wir jetzt mit unserem Wanderpokal?“

Das passt zur Geschichte des Vereins, auf jeden erfolgten Aufbau folgte schnell der Abbau. Was unterscheidet den FC Kreuzlingen von anderen Vereinen?

Der Ruf der Millionarios. Den bekommt man nicht los. Sehr viele Gegner haben auch immer das grosse Ziel, den FCK zu schlagen, wenn das erreicht ist, läuft ihre Saison bereits gut. Das merkt man bei vielen Orten an denen man hinfährt. Der FCK ist auch oft der Favorit, spielt oft mit feinerer Klinge, es geht immer um den Aufstieg.

Wir könnten noch den ganzen Abend über deine FCK-Erlebnisse reden. Was wirst Du vermissen?

Die Spannung, die für mich bereits am Freitagabend begann. Die Planung des nächsten Auswärtsspiels, die mich schon unter der Woche beschäftigte. Die Menschen natürlich, ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt. Die Anerkennung für die Arbeit.

Und in Spanien, wirst Du da zum Fussball gehen?

Es gibt da ein Stadion um die Ecke, beim CD Torrevieja (Foto). Ich war auch schon an zwei Spielen, gepackt hat es mich noch nicht. Ich glaube auch nicht, dass die Spielberichte in holprigem spanisch brauchen. Jedenfalls werde ich mir schon mal Kugeln fürs spanische Boule kaufen.

Den FCK wirst Du weiterhin verfolgen?

Natürlich. Zu einem wichtigen Spiel werde ich wohl auch mal den Flieger nehmen. Zu einem Derby oder so.

Lieber Bruno, zum Abschluss ein paar Worte von mir.

Du bist in unserem Gästezimmer, welches mehr FCK-Archiv ist, immer willkommen. Mir bleiben zwei Momente in besonderer Erinnerung. Der Abend in Nürnberg bei der Fussballakademie-Verleihung und die Fahrt an ein Testspiel zum SC Tuttlingen. Du nahmst mich mit und wir fuhren in den tiefsten Schwarzwald. Der Weg wurde immer schmaler, zuletzt nicht mal mehr asphaltiert. Plötzlich ein Fussballplatz im Nirgendwo. Wir hielten fast vor der Bande. Eine Mannschaft mit Bierbäuchen lief ein. Hier soll der FCK spielen? Wir schauten auf deinem Navigerät nach.

Du hattest „Sportplatzweg“ und irgendeinen Ort im Schwarzwald eingegeben. Wir waren einfach an irgendeinem Sportplatzweg im Schwarzwald. Manchmal ist es auch nicht so wichtig wo man ist. Die geteilte Leidenschaft, die zählte lieber Bruno.

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