Birra Gottardo, Panettone, 1:4

Zum letzten Spiel vor der Winterpause gings erstmals für den FC Kreuzlingen zur AC Taverne. Nachdem die Tessiner bereits 2014 in die 1. Liga aufstiegen, aber postwendend wieder abstiegen, nehmen die Tavernesi (sagt man das so?) diese Saison einen zweiten Anlauf in der 1. Liga. Seit Januar 2015 verfügen die “Aquile” (Adler) über eine komplett neue Infrastruktur im, wie sie selbst schreiben, “englischen Stil”. Und tatsächlich, die kompakte Anlage, wenn auch nur auf einer Seite für Zuschauer zugänglich, überzeugt durch eine durchgängige Tribüne mit toller Sicht aufs Spielfeld, einem schönen Buvette und kurzen Wegen für die Zuschauer. Der Kunstrasen ist übrigens der einzige Platz der AC Taverne, hier wird der ganze Spielbetrieb abgewickelt.

Wunderbar altmodische Ankündigungstafel in der Stadt – der FCK spielt (ein wenig) “international”

Sportlich hat sich die AC Taverne sehr gut in die 1. Liga eingefügt und belegt einen gesicherten Mittelfeldplatz. Im Hinspiel gab es für den FC Kreuzlingen eine ziemlich diskussionslose 1:3-Niederlage im Hafenareal.  Die Vorzeichen waren schlecht, gleich 10 Spieler standen dem FCK nicht zur Verfügung, darunter zahlreiche gesperrte und verletzte Stammspieler. Die Bank war entsprechend dünn besetzt (Philipp Juchli, Elham Azizi, Goalie Nr. 3 Radenko Stokanovic und Co-Trainer Ümüt Tütünci). Fairerweise muss man sagen, dass auch bei Taverne einige Spieler fehlten.

Die Anfangsphase des Spiels ging völlig verschlafen. Bereits in der 2. Minute hatte ein Ticinesi alle Zeit der Welt, um sich aus rund 18 Metern den Ball zum 1:0 bereit zu legen. In der 20. Minute segelte ein scheinbar harmloser Freistoss aus grösserer Entfernung unbedrängt durch Freund und Feind ins Tor. Der bereits zuvor mit Sicherheit lauteste und wildeste Stadionsprecher der 1. Liga war spätestens jetzt völlig ausser Rand und Band. Die restliche erste Halbzeit gestaltete sich ausgeglichen, währenddessen verteilten die Gastgeber an die mitgereisten FCK-Fans kostenlosen Panettone. “War das jetzt die schlechtere Hälfte?” fragte mich jemand aus der Kreuzlinger Reisegruppe in der Halbzeit. Ja, sie war es. In der 2. Halbzeit wollte der FC Kreuzlingen das Ruder unbedingt herumreissen, nun sah man auf dem Campo Comunale ein packendes Spiel und dominante Kreuzlinger, welche zu zahlreichen Chancen kamen. In der 61. Minute das überfällige 2:1-Anschlusstor durch Abbas Karaki per Kopf.

viele weitere Fotos auf regese.ch

Nun drückte der FC Kreuzlingen vehement auf den Ausgleich, allerdings verzeichnete auch Taverne einen Pfosten- und Lattentreffer. Sehr unterhaltsam war es nun für die rund 200 Zuschauer. Zur gleichen Zeit übertrug der AC Taverne im Buvette live ein WM-Spiel, welches keinen einzigen Zuschauer ins Clubhaus lockte. In der Nachspielzeit, als der FCK alles nach vorne warf, kassierte der FCK in der 93. und 94. Minute eine mit 4:1 schlussendlich zu hoch ausgefallene Niederlage. Schade, musste man so lange zwei Fehlern nachrennen. Bei der dünnen Personaldecke besiegelte das früh die Niederlage. Das es trotzdem noch ein sehr unterhaltsames, spannendes Spiel wurde, war wiederum dem Kampfgeist der Mannschaft zu verdanken – und so geriet auch die lange Reise ins Tessin trotz Niederlage versöhnlich.

Buvette mit Erinnerungstafel 70 Jahre AC Taverne

Überhaupt war es eine gute erste Saisonhälfte, die Winterpause scheint nun aber auch zur rechten Zeit zu kommen. Die lediglich 3 Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz sind aber alles andere als gemütlich. Taverne sollte uns eine Warnung sein, diese stiegen 2014 in die 1. Liga auf, bezogen zur Rückrunde ihren neuen Platz und stiegen gleich wieder ab.

Das Tessin ist schon seit je her ein spannender Ort für Kreuzlinger Fussballfans. Gut, an das Achtelfinale im Schweizer-Cup 1935 beim FC Lugano kann sich keiner mehr erinnern, aber an einige der folgenden Spiele mit Sicherheit. 1983 bringt ein begeisternd spielender FCK den FC Locarno aus der Nationalliga B an den Rand einer Niederlage. Das denkwürdige Spiel verzögert sich durch einen orkanartigen Sturm und Flutlichtausfälle bis kurz nach Mitternacht (!). Nach 120 Minuten steht es 3:3 und die Kreuzlinger wollen den Elfmeterkrimi für sich entscheiden. Vor Antritt der Mannschaften entscheidet der Tessiner (!) Schiedsrichter, der den Locarnesi bereits in der regulären Spielzeit zwei Penaltys zugesteht, dass das Spielfeld nicht mehr für Penaltys geeignet sei und dass das Spiel wiederholt werden müsse. Das Wiederholungsspiel, welches unter der Woche gegen den Wunsch des FC Kreuzlingen erneut im Tessin ausgetragen wird, gewinnen die Kreuzlinger im Lido vor 1’800 Zuschauern mit 3:2 nach Verlängerung. Der Jubel bei den erneut zahlreich mitgereisten Kreuzlinger Anhängern ist gross.

Meine Generation erinnert sich dann an weitere legendäre Tessiner Spiele in den 1990ern- und 2000er-Jahren. Der in der Saison 2006/2007 am letzten Spieltag in der 91. Minute verhinderte 1.-Liga-Abstieg in Mendrisio, um dessen Spiel sich noch heute Legenden ranken (Manuel Ferrone war damals schon dabei und der heutige Calcio-Präsi Vincenzo Maiorana war an diesem Spiel offizieller FCK-Kameramann und kam gar nicht mehr nach, die ihm angebotenen Schnäpse abzuwehren). Enttäuschend verlief im Jahr 2000 eine knappe Cup-Niederlage bei GC Biasca, in der nächsten Runde hätte Servette Genf gewartet. Verrückt gestalteten sich viele Spiele in Chiasso, Stojan Miljic als 15-jähriger FCK-1.-Liga-Debütant beim FC Chiasso (2008), ein Wetterunterbruch in Chiasso mit Turbulenzen auf den Rängen (2001), im Tessin war oft etwas los.

Auch in Taverne trafen sich rund 15 FCK-Fans, darunter 8 aktive Fans, es waren alle Fan-Generationen vertreten. Manche sahen ihre ersten FCK-Spiele in den 1940er/1950er-Jahren und waren nach all den Jahren auch in Taverne dabei! Fussballreisen sind etwas wunderbares, angetrieben von Entdeckerlust, fremde Orte an denen man auf bekannte Gesichter trifft – und nebst all den anderen Eindrücken, ein spannendes Spiel vor Augen.

Wie erzählte es mir ein Mitreisender so schön, als Kind hätte er bei Familienreisen immer zuerst nachgesehen wo Spiele in der Nähe stattfinden, genau das gleiche hab ich auch getan. Später findet man diese Gleichgesinnten. Ich kann mich übrigens gut an mein erstes Auswärtsspiel erinnern, in den 1980ern fuhr ich als D-Junior mit dem Velo zum FCK-2.-Liga-Auswärtsspiel beim SC Berg. Später sah man die Fussballwelt und kam dann wieder zurück zum FC Kreuzlingen. Es ist spannend, viele Fussball Enthusiasten verlagern zumindest einen Teil Ihrer Leidenschaft vermehrt in die kleineren Ligen. Ob es am Alter liegt? oder an all den Entwicklungen im grossen Fussball?

Ich wünsche Euch allen eine schöne, erholsame Winterpause und viel Zeit für Dinge abseits des Fussballs, wir sehen uns wieder im 2023!

15 FCK-Fans, vier Fahnen, mehrere Generationen, Foto regese.ch

6 Comments

  1. “Tessin” erinnert mich besonders an ein exzellentes (Parmesan-) Risotto, als wir auf einer Reise nach Italien einen Zwischenstop in Morcote einlegten. Der Blick auf den Luganersee, auf das gegenüberliegende Italienische Ufer, gehört hier dazu. Perfekt!

    Und was hat das mit Fussball zu tun? Nichts! – oder doch? Die Gedanken fliegen aus Morcote nördlich zurück in die Gegend von Torricella-Taverne. “Perfekt” hat dort für den FCK die zweite Hälfte der Meisterschaft nicht begonnen. Wobei bereits das Liga-Eröffungsspiel gegen den AC Taverne im heimischen Hafenareal, Platz 2, verloren ging. Damals monierten einige über einen “ziemlichen Acker”. Doch gestern war am Geläuf nichts auszusetzen. Es sei denn, man ist absoluter Fan von üppigem Rasen-Erde-Geruch. Ob ein Club, der ausschliesslich auf Kunstrasen setzt, gewisse Heimvorteile hat, ist noch nicht abschliessend beschrieben. Wenn sogar der FC Weesen in Taverne gewinnt, möchte ich das eher verneinen…!

    Inzwischen sind 16 Meisterschaftspartien gespielt. 14 kommen noch dazu. Die 16 zeigen auf, dass sich der FCK mühsam durch die Liga schleppt. Wobei zu erkennen ist, dass es etlichen Mannschaften so geht. Das ist einerseits beruhigend, andererseits eben auch eine stete Gratwanderung. Man denke nur an das ominöse 90er-plus Phänomen, das ein Spiel endgültig machen kann. Dieses Phänomen wehte wiedermal. Vielleicht vom nahen Monteceneri herab?

    In der Winterpause heisst es für den FCK – als einzigem Thurgauer 1.-Ligaclub! – alle Ressourcen zu aktivieren, die 2023 ein ordentliches Mithalten im gesicherten Mittelfeld versprechen können. Dazu sind alle gefordert: Clubverantwortliche, Spieler, Betreuer, die Fans. Und das eingebettet in die Riege treuer Sponsoren (plus denen, die es noch werden wollen!). Eine verlässliche “Sponsoren-Mannschaft” ist nun mal elementarer Bestandteil eines modernen Sportclubs und seiner Aktivitäten und Ziele. Daher: Vielen Dank!

    Vielleicht fördert 2023 ein runderneuertes, erweitertes, modernisiertes “Stadion im Hafenareal” ein optimales sportlich-gesellschaftliches Bewusstsein mit entsprechenden Erfolgen!

  2. Lieber Hafetschutter, lieber Herr Kessler

    Ich finde es äusserst lobenswert, wie sie Spieltag für Spieltag Ihre Eindrücke zum FCK in hervorragender, gehaltvoller, unterhaltsamer und zum Teil witziger Art und Weise wiedergeben; einen grossen Applaus und herzlichen Dank dafür.
    Als ehemaligem FCK-Junior (frühe sechziger Jahre), seit über 50 Jahre in Bern ansässig, bietet sich mir so die Möglichkeit, das Geschehen und die Spiele aus der Ferne hautnah und aus kompetenter Feder mitzuverfolgen (auch eine Art von Lokaljournalismus).
    Einen nicht minder herzlichen Dank auch an Erich Seeger für seine Kommentare und die jeweils tollen Matchbilder.

    Abschliessend wünsche ich der gesamten Vereinsführung sowie allen Teams des FC Kreuzlingen (gilt selbstverständlich auch für die FCK-BodenseeKickers) nach der verdienten Winterpause eine erfolgreiche Rückrunde und hoffe, dass sie ihre anvisierten Ziele erreichen.

    Mit freundlichen Grüssen
    Rolf Ullmann, Bern

  3. Hallo Rolf Ullmann, bist du der Sohn von Peppi Ullmann Coiffeur vom ehemaligen Restaurant Engel?liebe Grüsse von Gertrud Baumann-Marty
    begeisterter Fan vom FCK

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