Fanzine, Blog, Archiv, Fussballkultur – seit 1999

Das wievielte Kantonsderby?

in Thurgauer Derby by

Ein Derby welches die grossen Zuschauermassen lockt sucht man im Thurgau vergeblich. Nicht so wie etwa im Rheintal, wo Spiele zwischen Widnau, Diepoldsau oder Altstätten immer mal wieder 1’000 Zuschauer locken. Prestigeträchtig ist am ehesten das Thurgauer Derby zwischen den beiden erfolgreichsten Vereinen der Vergangenheit und Gegenwart, dem FC Kreuzlingen und dem FC Frauenfeld.

Doch wie oft fand dieses Duell schon statt? Gezählt wurde es offensichtlich noch nie. Der Hafetschutter hat in den Archiven gegraben. Der FC Frauenfeld meldete sich nach der Gründung 1910 sogleich beim SFV an. Der FC Kreuzlingen spielte dazumal nicht in der SFV-Meisterschaft sondern in der internationalen Bodensee-Liga unter anderem gegen Konstanz, Lustenau und Ravensburg. 1913 wechselte der FCK in den Spielbetrieb des SFV, in die damalige Serie C. Der FC Frauenfeld spielte nach deren eigenen Chronik dazumal in der zweithöchsten Serie B, diese Angabe ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen, ist die Frauenfelder Chronik doch mit zahlreichen Fehlern gespickt. Der FC Kreuzlingen stieg 1922 in die Serie B auf, hier sind sich die Vereine bis 1927 begegnet, dann stieg der FC Frauenfeld in die neu gegründete Promotionsliga auf. Während der Saison 1931/1932 spielten dann beide Vereine in der neu gegründeten 2. Liga (ersetzte die Promotionsliga).  Der FC Kreuzlingen stieg im Folgejahr unter Norman Smith in die 1. Liga auf, Frauenfeld verblieb in der 2. Liga.  Die Saison 1937/38 und von 1939 bis 1946 spielte man wieder gemeinsam in der 2. Liga (damals dritthöchste Liga). Vor 1945 kam es, diese Zahlen stehen teilweise auf wackligen Beinen, zu rund 26 Meisterschaftsderbys.

Nach dem Krieg spielte der FC Kreuzlingen bis 1950 in der 1. Liga, anschliessend folgte ein Niedergang bis in die 3. Liga (1954 bis 1959). Der FC Frauenfeld war bis 1966 Dauergast in der 2. Liga, dann folgten 12 Jahre in der 1. Liga und von 1978 bis 1982 spielten die Kantonshauptstädter gar in der Nationalliga B. Der FC Kreuzlingen kämpfte von 1959 bis 1981 fortwährend in der 2. Liga um Punkte, gefolgt von vier Jahren in der 1. Liga und wieder vier Jahren in der 2. Liga.  Der FC Frauenfeld fühlte sich von 1982 bis 2000 in der 1. Liga zuhause, leistete sich in dieser Zeit indes zwei einjährige Gastspiele in der 2. Liga. Der FC Kreuzlingen jagte von 1997 bis 2009 in der 1. Liga recht erfolgreich nach Punkten. Von den letzten 20 Jahren verbrachte der FC Frauenfeld 6 Jahre in der 1. Liga, 11 Jahre in der 2. Liga Interregional und tauchte nebenbei noch 3 Saisons in die 2. Liga ab. Der FC Kreuzlingen wiederum spielt seit 2009 in der 2. Liga Interregional, mit einem einjährigen Abstecher in die 1. Liga (2012/2013).

Nach 1945 lassen sich die Anzahl Derbys genau ermitteln. 24 Derbys wurden in der 1. Liga ausgetragen. 11 in der 2. Liga Interregional. 26 in der 2. Liga. Macht total 61 Derbys der Nachkriegszeit. Seit 1913 spielte der FC Frauenfeld 42 Jahre in einer höheren Liga, 44 Jahre spielten die Vereine in der gleichen Liga, 18 Jahre schwang der FC Kreuzlingen obenauf.

Wer wie oft gewann wäre nun spannend – das wäre die Archivarbeit für einen nächsten Blog. Die Bilanz seit 2002 kann ich aber dank transfermarkt.ch liefern: 12 Siege, 3 Unentschieden, 6 Niederlagen aus Sicht des FCKs, wobei die Kreuzlinger die letzten vier Partien nicht gewinnen konnten. In Kreuzlingen besuchten seit 2002 im Schnitt 376 Zuschauer das Kantonsderby, in Frauenfeld waren es im Schnitt 330. Tendenz sinkend. 850 Zuschauer sahen im November 2011 den 2:1-Sieg des FC Kreuzlingen im Hafenareal – Rekordwert der letzten 20 Jahre.

Am 10. März heisst es zum Rückrundenauftakt zwischen dem FC Kreuzlingen und FC Frauenfeld im Hafenareal nun also:

Auf zum vermutlich 88. Meisterschaftsderby der Thurgauer Fussballgeschichte – oder mit Sicherheit: Auf zum 62. Kantonsderby der Nachkriegszeit!


 

5 Comments

  1. Fussball Thurgau? Keine durchgehende Erfolgsgeschichte! So 3-4 Ligen auf und ab sind historisch selbst bei den beiden „Spitzenvereinen“ FCF und FCK festzuhalten. Thurgau war noch nie echtes (Spitzen-) Fussball-Land. Das mag mit der bescheidenen Größe der Ortschaften im Zusammenhang stehen. Doch gibt es noch andere Kriterien, die sich besonders heute, unabhängig der Ortsgröße, mit einem properen finanziellen Hintergrund umschreiben lassen, der gleichzeitig gepart ist mit einer euphorischen Stimmungslage, „etwas für eine Region auf die Beine stellen zu wollen“. Eine solche Euphorie (sie muss allerdings nicht immer gut enden…!) wurde fussballerisch im Kanton noch selten so richtig entfacht – ausgenommen die famosen kurzen 30er-Jahre des FCK. Aber diese Euphorie ging damals eben weit über die Landesgrenze hinaus, begeisterte Tausende. Kreuzlingen-Konstanz fand sich zu einer bemerkenswerten fussballerischen „Symbiose“. Die Frage kann sich stellen, ob eine solche „Symbiose“ heute wieder denkbar wäre, denn „hüben“ und „drüben“ ist derzeit die Fussballkunst auf einem Niveau angesiedelt, wo – sagen wir es mal so – noch deutlich Luft nach oben vorhanden ist (inklusive Spielstättenniveau!). Wäre da gemeinsam was anzupacken?

    Zurück in den Thurgau. Ein Kantonsderby zwischen den Haupt- und den Grenzstädtern ist derzeit also das Höchste, was im Kanton fussballerisch aufgetischt werden kann. Immerhin. An Spannung hat es dabei selten gefehlt. Und Bratwürste schmecken liga-unabhängig. Es ist noch stets ein kleines kantonales Fussballfest, das – aus der Tradition geboren, immerhin einige hundert echte Fans zu begeistern vermag. So soll es sein.

    In eigener Sache noch kurz zur Bemerkung des HAFETSCHUTTER, dass der FCK in den 50er Jahren bis hinunter in die 3. Liga gesegelt sei. Originalton des stämmigen Ausputzers Kurt Frei – telefonisch am Samstagabend: „Bruno, du muesch morn ins Gool, üsi beide Gooli sind verletzt, chum am Sunntimorge am Nüni uf de Platz zum i-schüsse!“ Ich kickte damals in der Regel in der zweiten Mannschaft als rechter Half oder rechter Flügel (nach historischer Spielauffassung).

    Nun, das Drittliga-Spiel, damals noch im schönen kleinen Stadion an der Konstanzerstraße, endete 6 zu 0. Der Gegner: Kradolf oder Kradolf-Sulgen oder Kradolf-Schönenberg…..? Ein Sportberichterstatter im „Thurgauer Volksfreund“, der damaligen Kreuzlinger Tageszeitung (!): „Diesen Torwart sehen wir gerne wiedermal“. Man sah ihn nie wieder. Und so ging er ungeschlagen in die Statistik ein….!

    • Schöne Anekdote. In dieser Zeit spielte auch die 2. Mannschaft mindestens eine Saison zusammen mit der 1. Mannschaft in der 3. Liga. Kam es da zu einem aufeinandertreffen? oder wurden die Mannschaften in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt?

  2. Daran mag ich mich leider nicht mehr erinnern. Ist aber eine lokal spannende Frage. Meine Unkenntnis mag unabhängig von der vergangenen Zeit auch damit zusammenhängen, dass ich just zu dieser Zeit meine Zelte einige Jahre in Genf aufschlug und dort in der Zweiten von Urania Genève Sports (UGS, gegr. 1896) oben im kleinen historischen Stade de Frontenex meine „fussballerischen Künste“ zeigte (Der entsprechende Applaus von der Höhe des linksseitigen Ufers soll über das ganze untere Genfer Seebecken gedrungen sein……!). UGS, die Erste, spielte damals kurze Zeit in der Nationalliga A. Zu den 4000, die das Ur-Frontenex bietet, wurden entsprechend zusätzlich Stahlrohrtribünen erstellt (10’000). Unvergessen die Saison 56/57: UGS gewann sowohl das Auswärtsspiel im (abgebrochenen) berühmten 35’000er Stade des Charmilles gegen den Servette FC, als auch zuhause auf Frontenex mit jeweils 2:1. Herrlich unvergessene Derbys! UGS beendete die Saison auf dem 5. Tabellenplatz. Heute spielt der Club, wie der FCK, in der 2. interregionalen Liga und belegt in seiner Gruppe derzeit einen bescheidenen Platz im hinteren Mittelfeld. Vorne stürmt überlegen der CS Chênoi davon. Ob dieser bekannte Genfer Club mit seinem schönen Stade des Trois-Chênes (10’000) wieder bessere Tag anpeilt?

    • Randnotiz: Trotz interessanter Traditionsvereinen wie Urania und Chenois ist die 2. Liga IR – Gruppe 1 die schlechtbesuchteste fünfthöchste Liga der Schweiz (Schnitt 150), je weiter man gegen Osten kommt, desto besser besucht ist der Amateurfussball. (Beischeidener) Krösus ist tatsächlich unsere Gruppe. Das gleiche Bild in der 1. Liga, am schlechtesten besucht die Westschweiz, das Mittelland belegt die Mitte und die Ostschweiz schwingt hier mit rund 340 Besuchern im Schnitt obenauf. Die Zuschauer-Ehre der Westschweiz rettet immherin der Yverdon-Sport FC mit durchschnittlich 760 Besuchern in der Promotion (dortiger Rekord vor Brühl und Kriens), ganz schlecht läuft diese Liga nicht sehr verwunderlich in Grossstädten (Old Boys Basel 180, United 100, YF Juventus 180, Lausanne-Ouchy 260).

  3. Eine interessante Aufstellung von Hafetschutter! Mir sagt sie u.a., dass die Ostschweiz vielleicht auf eine traditionelle Art noch „in sich dörflicher geprägt ist“, als die vielen Agglomerationsgemeinden in der Westschweiz oder im Mittelland. Eine „klassisch definierte Dorfgemeinschaft“ (auch kleinststätisch) erscheint mir noch ein Stück gesellschaftszentrierter, als das gesellschaftliche Leben in durch wirtschaftliches Wachstum aneinader gereihten Kommunen nach rascher Entwicklung. Im Westen fehlt zudem der ehemals strahlende Leuchtturm Servette FC, der eine gewisse animierende Wirkung – auch international – auf den „Fussball an sich“ ausgestrahlt haben dürfte. Der Zerfall durch unerquickliche Machenschaften versprühte dann das Gegenteil. Das sind aber nur einige Splitter, die eine ungemütliche Zuschauersituation, die viele Vereine betrifft, besondern die engagierten Spieler (!), die ihr Bestes zu geben versuchen, in Teilen erklären könnten. Dazu kommt sicher auch „die schöne Gemütlichkeit“, welche durch den Wohlstand des Einzelnen nicht unbedingt zu gesellschaftlicher Aktivität ruft (lässt sich auch an Wahlbeteiligungen ablesen!). Und so sind wir eben mittendrin in der veränderten Gesellschaft angelangt, die sogar auch ur-sportliche Belange betrifft. So haben sich neben Fussball viele andere Sportarten etabliert, die zuschauerbezogen als vielleicht spannender und attraktiver wahrgenommen und emotionaler erlebt werden können (etwa Hallenhandball). Wie und warum heute Sport „zelebriert“ wird, ist noch eine andere Geschichte. So sind die „apart fussballerisch gekleideten kleinen Einlaufkinder“ bei den Profis sicher nicht aus“Jux und Dollerei“ entstanden. Und jeder kennt die derzeitige grandiose Hype beim „Pfeilwerfen“ – Entschuldigung: „Dart“ (Werfe privat auch – allerdings selten die dreifache 20 oder 19!). Es ist eine unendliche Geschichte – das mit dem Zuschauerschwund beim Kicken. Er zeigt sich besonders auffallend an den kleinen und grösseren alten klassischen Stadien in grösseren Städten, die ja einmal „gefüllt“ sein wollten, heute jedoch eher als grüne Biotope wahrgenommen werden, denn als quicklebendige Arenen am Wochenende, wo sich die grosse Gesellschaft trifft, man sich unterhält, sich gemeinsam freut, jubelt oder „trauert“. Fussball als die international erlebbarste Sportart hätte heute eigentlich eine eminent gesellschaftsbindende Aufgabe. Das war sogar mal in Kreuzlingen der Fall. Wie schafft man eine Wiederbelebung?

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Latest from Thurgauer Derby

0 CHF0.00
Go to Top