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Die perfekte Tribüne

in Fussballheimat by

Im Stadionbau gab es vor dem 2. Weltkrieg zwei gegensätzliche Modelle. Das englische der eng am Spielfeldrand gebauten, steil abfallenden Tribünen und das deutsche der weitläufigen, flach gebauten, sich in die Landschaft einfügenden Tribünen. Im Prinzip ging es in diesem Stil auch nach dem 2. Weltkrieg weiter, nur das in Deutschland nicht mehr die Landschaft sondern das polysportive im Vordergrund stand. Erst in den letzten 20 Jahren fand ein Umdenken statt und die Kastenbauweise hielt Einzug, meist als Arena mit zugebauten Ecken. Den meisten Neubauten geht dabei allerdings der Charme der über die Jahrzehnte fast organisch in grossen Zeitetappen entstandenen Tribünen der alten englischen Stadien ab.

Wenden wir uns dem heutigen Tribünenbau im Amateurfussball zu. Was für eine Tribüne eignet sich bei Vereinen mit 300 – 500 Zuschauern? Ich möchte dies am Beispiel der Kleinen Allmend des FC Frauenfeld erläutern. Auf den ersten Blick eine tolle Tribüne, die Aufsetzung auf den Kabinentrakt ermöglich eine perfekte Sicht von der pfeilerlosen Tribüne auf das Spiel und kompensiert damit die störende Laufbahn. 

Bei den Spielen wird die Tribüne jedoch eher spärlich genutzt. Mindestens so viele Zuschauer stehen in der Nähe der Clubbeiz und des Imbisswagens, andere möchten beim Spiel grundsätzlich lieber stehen. Vielleicht ist es sogar eine Frage der Mentalität, man möchte lieber etwas abseits mit den eigenen Bekannten stehen und weniger gedrängt mit allen auf einer Tribüne, obwohl diese in Frauenfeld grosszügig ausfällt. Man läuft also Gefahr eine schöne, vermeintlich stimmungsfördernde Tribüne mit perfekter Sicht zu planen welche dann kaum benutzt wird.

An was sollte also gedacht werden. Zur Veranschaulichung möchte ich eine geplante Tribüne vom 1. FC Bocholt ins Spiel bringen. Die 400 überdachten Sitzplätze umfassende Tribüne ist eher flach gebaut, was nicht nur der Einbettung in die Landschaft entgegen kommt (hier denke ich speziell an die sensiblen Seezonen in Kreuzlingen), es entspricht auch dem Bedürfnis der Zuschauer sich eher “wie an einer Schnur” am Spielfeldrand aufzustellen und nicht dicht gedrängt auf einer in die höhe gebauten Tribüne (welche zudem nur mit höherer Treppe erreicht wird). Die unterhalb der Tribüne befindlichen ca. 250 Stehplätze sorgen trotzdem für eine leichte Erhöhung und damit guten Sicht aufs Spielfeld. Der Imbissstand befindet sich unter dem Tribünendach und davor eine Reihe Stehtische, auch der WC-Trakt befindet sich hier. Falls finanziell möglich wäre an dieser Stelle eine Clubbeiz/VIP-Raum ideal, nach dem Spiel trifft man sich hier zum Trainertalk.

Die Kosten der geplanten Tribüne beim 1. FC Bocholt wurden mit 700’000 Euro beziffert. Selbst wenn das in der Schweiz deutlich teurer wäre hätten wir es immer noch mit moderaten Kosten zu tun. Der 1. FC Bocholt machte am Schluss alles anders, baute eine einsam stehende Tribüne ohne Infrastruktur am einen Ende – und eine Clubgaststätte am anderen Ende des Sportplatzes. Bei sportlichem Erfolg und vielen Zuschauern mag das keine Rolle spielen, aber wetten bei wenigen Hundert Zuschauern wäre der erste Entwurf besser gewesen? EDIT: auch die 2. Version wurde anscheinend nicht gebaut, danke an die aufmerksamen Leser.

1 Comment

  1. Auf der Suche nach der “Perfekten Tribüne” – “Hafetschutter” spricht hier verdankenswerterweise mal ein vernachlässigtes Thema an! -, bin ich, um es vorweg zu nehmen, wiedermal auf die “Raiffeisen Arena Crap Gries” der USSI (Uniun Sportiva Schluein Ilanz) gestossen.

    Für diesen Bündner (Dorf-) Verein, der gegenwärtig immerhin in der 3. Liga spielt, ist die Arena-Tribüne (43×13 m) wohl das Optimalste, was man sich heutzutage ausdenken kann: 500 Sitzplätze (durchlaufende Holzbänke), darüber bewirteter Clubraum, unten Kabinen für Spieler und Schiedsrichter, sanitäre Anlagen, Räume für den Platzwart, usw. Und da die vom Publikum frequentiertesten Teile aus viel schönem (regionalen) Holz gefertigt sind, hat die Anlage ihren eigenen Charme. Es sieht so aus, als dass man hier gerne einem Spiel zuschaut. Zumal hinter einem, oben im Clublokal, Wurst und Getränk…….! Für die Gemeinde kann eine solche Anlage zudem noch anderen gesellschaftlichen Zwecken dienen. Kosten (2014): 1.35 Mio. – zusätzch 6’000 Stunden Fronarbeit.

    Die Anlage scheint mir ein Musterbeispiel zu sein, was eine mutige Initiative zuwege bringt, wenn sportinteressierte Körperschaften, Gemeinden, Gönner, Sponsoren, Stiftungen, Banken (!), usw. alle am “berühmten einen Seil” ziehen. Im dörflichen Bereich ist dies heute vielleicht noch eher realisierbar, da die Verhältnisse überschaubarer sein dürften. In Städten, selbst in reichen, kommen dagegen rasch viele Begehrlichkeiten aus allen Ecken und Enden (Konkurrenzdenken). Und nicht selten wird es dann noch politisch.

    Die Frage, was braucht heute ein (Amateur-) Fussballclub, wie umfassend beschaffen soll seine Anlage sein, ist nicht einfach zu definieren. In der Regel wird nach der Praktikabilität gehandelt, die eher stringent mit der Ausübung des Sports zu tun hat. So fällt etwa auf, dass vielerorts inzwischen Kunstrasenfelder entstanden sind oder entstehen, die bereits schon mal rund eine Mio. “schwer” sein können (und nur ca. 10 Jahre durchhalten). Dass man damit auch eine kleine Infrastruktur anlegen könnte, um auch mal auf Dauer “gehobeneren Zuschauerinteressen” zu genügen, wird in der Regel gar nicht erst erörtert. Damit sei nichts gegen ein Kunststoffgeläuf gesagt. Es mag sehr praktikabel sein. Besonders auch für den breiten Jugendbereich.

    Dass man mich recht versteht: Fussball kann man auf jeder einigermassen flachen grösseren, umzäunten Wiese spielen, um glücklich zu werden – Spieler und Zuschauer! Nur meine ich, dass besonders zu einer modernen Stadt heute auch eine moderne Fussballsportanlage gehört, eine Anlage, die zudem gesellschaftswirksam über den Rahmen von “nur Fussball” hinaus gehen darf und eine Stadt profilieren kann. Dazu ist eine Infrastruktur notwendig, die letztlich einen Gesamtrahmen umfasst, wie er auf “Crap Gries”, hier schon mal für dörfliche Verhältnisse, definiert ist. Für eine Stadt wären dann noch eine Reihe andere Bedingungen zu erfüllen, die u.a. mit der Clubgrösse (Mitgliederzahl) im Zusammenhang zu sehen sind. Eine Anlage, wie sie “Hafetschutter” für den 1. FC Bocholt erwähnt (gemeint ist das “nicht”-ausgeführte Projekt!), kann als einen Versuch gelten, für Kreuzlinger Verhältnisse schon mal eine kleine Richtung in der Art und Weise aufzuzeigen, mit welchen Dimensionen konkret gedacht wird. Wenn dann der Hauptplatz rundum zusätzlich noch mit 2-3 Stehstufen belegt ist (um den ganzen Platz herum Bäume!), macht das rechnerisch rasch eine hübsches vorzeigbares “Sportarenchen”, auf dem sich dann auch mal gut und gerne 2’000 bis 2’500 Zuschauer einfinden können. Bei Gedränge (Cup) noch einige mehr!

    Bei dieser Gelegenheit noch kurz ein Abstecher nach “Rödinghausen, 10’500 Einwohner” (Nordrhein-Westfalen): Als der heimische SV in der Kreisliga spielte, kam vor 9 Jahren ein ortsansässiger Industrieller (Küchenhersteller) auf die Idee, für den Heimatverein eine Tribüne zu planen und zu bauen. Heute steht sie da! – im “Häcker-Wiehenstadion” (der Verein spielt mittlerweile in der Regionalliga): 1489 Sitz- und 400 Stehplätze, beides überdacht, mit den evententsprechenden Zonen (VIP, Presse, Sprecher, Ehrengäste, Kamera, Verpflegung, usw.). Auf der Gegenseite zusätzlich 950 Stehplätze. Demnächst spielt der Club gegen den FC Bayern im Pokal und ist derzeit auf der Suche nach einem grösseren Stadion in der Nähe. Hinweis: Entsprechend müsste der FCK trotz neuer Anlage (!) wohl oder übel für das Cup-Halbfinale gegen YB nach St. Gallen ausweichen! Aber das hat ja alles noch Zeit……

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